{"id":19,"date":"2015-10-29T17:45:58","date_gmt":"2015-10-29T16:45:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ulrich-pietzsch.de\/?p=19"},"modified":"2021-05-24T12:10:45","modified_gmt":"2021-05-24T10:10:45","slug":"die-huehner-werden-kuehner","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ulrich-pietzsch.de\/index.php\/2015\/10\/29\/die-huehner-werden-kuehner\/","title":{"rendered":"Die H\u00fchner werden k\u00fchner"},"content":{"rendered":"\n<p>Angelika Landrock liebt die naive Malerei von Ulrich Pietzsch \u2013 die ist \u00fcberhaupt nicht naiv<\/p>\n\n\n\n<p>Was Ulrich Pietzsch in die H\u00e4nde bekommt, wird zum Bild oder zur Geschichte, oder zu beiden. So war es auch, als ihm Angelika Landrock erz\u00e4hlte, wie sich die Elbe 2002 ihHaus&nbsp; in Brockwitz geholt hat. Bei Pietzsch wurde daraus nicht nur eine Erz\u00e4hlung, sondern auch ein Bild. Das zeigt ihn selbst mit einer Angel. Damit fischt er sich die Bilder, die Angelika Landrock bei ihm gekauft hat und die die Elbe mitgenommen hat, in Hitzacker wieder heraus.&nbsp; Hitzacker, das liegt im Wendland, also in der N\u00e4he von Hannover, wo Ulrich Pietzsch seit 30 Jahren wohnt. Aber eigentlich ist er ja ein waschechter Sachse, denn 1937 wurde er in Oberwartha, was heute zu Dresden z\u00e4hlt, geboren. Das hat er selbst in einer Buchwidmung ausgedr\u00fcckt: &#8222;Heimat ist \u00fcberall, doch Sachsen bleibt Sachsen&#8220;, hat er da aufgeschrieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Angelika Landrock hat eine kleine Kollektion hat eine kleine Kollektion von acht Pietzsch &#8211; Bildern an der Wand h\u00e4ngen&#8230; Es ist, als habe ein Kind dem Maler die Hand gef\u00fchrt. So malt Ulrich Pietzsch. Souver\u00e4n ignoriert er die Perspektive. Angelika Landrock hat B\u00fccher und Kataloge mit seinen Bildern auf dem Tisch ausgebreitet und ein Seite mit dem Bild &#8222;Sch\u00f6nes Dorf&#8220; aufgeschlagen. &#8222;Schauen sie sich doch blo\u00df&nbsp; mal die Felder hier an, sie sind \u00fcbereinandergestapelt, das m\u00fcsste van&nbsp;&nbsp;&nbsp; Gogh mal sehen! Es gibt nur zwei Dimensionen.&#8220; Eigenartig genug, stellt sich dennoch so etwas wie eine flache R\u00e4umlichkeit heraus. Dazu die Menschen und Tiere &#8211; vereinfacht wie in einem Kinderbuch. Naive Kunst nennt man das Ganze&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Seit 1976 malt Ulrich Pietzsch, ohne jede Ausbildung, ein reiner Autodidakt. Landschaften und Orte seiner Umgebung waren sein Gegenstand. Dazu lieferte er Geschichten und Verse, wie diesen: &#8222;In M\u00e4rkisch- Buchholz Strasse drei\/Kam nur ein Auto heut vorbei\/ Da werden auch die H\u00fchner\/Immer etwas k\u00fchner&#8220;. Und in Wandlitz (hatte) er einen Nachbar, der von Tieren umgeben ist, dem ein Rabe auf der Schulter sitzt und der rote Haare hat. &#8222;Seine roten Haare haben mir gefallen, weil ich ja mit Farben zu tun habe und das Rot gleich nach dem Gr\u00fcn meine liebste Farbe ist. Also malte ich ihn mit dem roten Bart. Dass ein solcher Mann nur ein rotes Pony haben kann, ist so gut wie selbstverst\u00e4ndlich.&#8220;&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Udo Lemke<\/p>\n\n\n\n<p>S\u00e4chsische Zeitung 18.\/19.07.2015<\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\"><strong>Der Bildermaler bestellt sein Haus<\/strong><\/h1>\n\n\n\n<p>Die Kriegskinder bestellen ihr Haus, nicht nur im Sinne von Testament, Vorsorgevollmacht und Patientenverf\u00fcgung. Viele ziehen Bilanz, versichern sich in der Retrospektive ihrer eigenen Person. So auch der Maler Ulrich Pietzsch, Jahrgang 1937. Vor vier Jahren gab Manfred Fortmann einen pr\u00e4chtigen Bildband \u00fcber Leben und Werk dieses K\u00fcnstlers heraus (vgl. <em>Kummerlose Kunst <\/em>in <em>Kulturation<\/em> 2011). Nun meldet sich der Meister selbst zu Wort. Er ver\u00f6ffentlicht ein Verzeichnis seiner Werke und einen autobiografischen Roman \u00fcber seine Kindheit. Nicht zuf\u00e4llig erscheinen Werkverzeichnis und Kindheitserinnerungen zum selben Zeitpunkt, korrespondieren sie doch miteinander. Verk\u00fcrzt lie\u00dfe sich sagen: Pietzsch schreibt, wie er malt und er malt, wie er schreibt: kleinr\u00e4umig, heiter, liebevoll fabulierend \u2013 \u00fcberwiegend innerhalb l\u00e4ndlicher Szenen. Die Welt und das Leben in ihr sind ihm gleichsam ein Garten Eden, ohne Not, ohne Gewalt, ohne Schrecken. Was f\u00fcr die Bilder gilt und als sehns\u00fcchtiger Gegenentwurf zur Realit\u00e4t gesehen werden kann, trifft in gewisser Weise auch auf die Autobiografie zu. Pietzsch res\u00fcmiert: \u201eWir Kinder haben eine wunderbare Kinderzeit mitten im gro\u00dfen Krieg.\u201c (S. 192) Kein schmerzliches Vermissen des zur Wehrmacht eingezogenen Vaters, denn der schickt der Mutter zun\u00e4chst aus Frankreich Pakete, nicht wie andere V\u00e4ter mit sch\u00f6nen Kleidern, Pelzm\u00e4nteln, Lederstiefeln, Seidenstr\u00fcmpfen, Kaffee oder Schokolade, sondern mit herrlichen Militaria \u2013 Stahlhelm, Feldstecher, Trommel, S\u00e4bel \u2013 alles Dinge, an denen sich das Knabenherz erfreut und das zum Krieg Spielen gerade richtig kommt. Kein Entsetzen, als am Faschingsdienstag 1945, einen Tag nach seinem achten Geburtstag das nahegelegene Dresden bombardiert wird: \u201eMir kommt alles so vor, als w\u00fcrde ich ein riesiges Feuerwerk erleben, wie auf der K\u00f6tzschenbrodaer Vogelwiese\u2026\u201c(S. 263). Kein Schock, als der Vater nach f\u00fcnfj\u00e4hriger Abwesenheit als fremder, kranker Mann heimkehrt, nur die stille Frage: \u201eDas soll mein Vater sein?\u201c (S. 329) Diesen kindlichen Blick hat sich der Verfasser offenbar bis ins Alter bewahrt, eine erstaunliche Gabe, die durch ein Philosophiestudium vielleicht kultiviert, aber nicht ersch\u00fcttert werden konnte. Wer die Beschreibung der Kinderjahre in einem s\u00e4chsischen Dorf gelesen hat, erkennt auf den Bildern des Malers all die Gestalten, Situationen und Orte wieder, die dem kleinen Jungen seinerzeit begegneten \u2013 im t\u00e4glichen Leben oder in der Phantasie. Er hat dort auch m\u00f6gliche Erkl\u00e4rungen f\u00fcr eine derart poetische Weltsicht gefunden. Das Fehlen von Vater und Geschwistern \u2013 Pietzsch w\u00e4chst als Einzelkind heran -, die schlichte P\u00e4dagogik der Mutter, die sich um alles allein k\u00fcmmern muss und nur gelegentlich tr\u00f6stend oder mit ein paar Backpfeifen eingreift, lassen dem einsamen, oft \u00e4ngstlichen Sohn hinreichend Raum f\u00fcr kleine Fluchten. Bei wirklicher Gefahr duckt er sich weg, um sich im n\u00e4chsten Moment in ein neues Abenteuer zu st\u00fcrzen. Die Kindheit \u2013 und damit das Buch \u2013 endet mit dem zw\u00f6lften Lebensjahr. Vater und Sohn begegnen einander schlie\u00dflich auf Augenh\u00f6he, nachdem der Junge auf einer ausgedehnten Radtour zu Verwandten mithalten konnte. 300 Kilometer in zwei Tagen auf geborgten R\u00e4dern, das n\u00f6tigt beiden Seiten Respekt ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Die letzte Nagelprobe ist eine Fahrt ins v\u00f6llig unbekannte Westberlin. Dorthin wird der Halbw\u00fcchsige geschickt, um ein Care-Paket f\u00fcr die Familie zu erstehen. Das gelingt, weil er sich bei allerlei Versuchungen, Widrigkeiten und Hindernissen zu helfen wei\u00df. Der Dorfjunge hat endg\u00fcltig \u201everstanden, auf was es im Leben ankommt\u201c (S. 397). Bei der Lekt\u00fcre dr\u00e4ngt sich unwillk\u00fcrlich der Vergleich mit anderen K\u00fcnstler-Kindheitserinnerungen auf. Man denke nur an Albert Ebert, Theodor Fontane, Erich K\u00e4stner oder Hans Fallada. Alle best\u00e4tigen, was auch Ulrich Pietzsch beschreibt: Die entscheidenden Pr\u00e4gungen erfolgen in dieser Zeit, allerdings weniger durch vordergr\u00fcndige \u201eErziehung\u201c, als vielmehr durch das Ausbleiben derselben oder im Widerstand gegen sie. P\u00e4dagogen m\u00f6gen da anderer Auffassung sein. Wie dem auch sei: Alte Menschen neigen dazu, sich in Gedanken ihrer Kinderzeit zuzuwenden. Das geh\u00f6rt zum Abschied nehmen. K\u00fcnstler machen da keine Ausnahme, und Ulrich Pietzsch legt mit seinem autobiografischen Roman ein lesenswertes Zeugnis davon ab, wie in den ersten Lebensjahren schon unbewusst alles Sp\u00e4tere angesteuert wird. Freilich geht er damit gro\u00dfz\u00fcgig um. Wenn er etwa vermutet, die Liebe zur Natur sei ihm bereits bei der Zeugung einverleibt worden, weil es seine Eltern bei einem Waldspaziergang \u00fcberkam und sie nicht mehr den Heimweg abwarten wollten. Doch das ist eben Ulrich Pietzsch, wie er leibt und lebt: naiv, witzig, skurril, frivol. Noch verbl\u00fcffender als die Niederschrift der Kindheitserinnerungen ist das Erstellen eines Werkverzeichnisses durch den K\u00fcnstler selbst, tatkr\u00e4ftig unterst\u00fctzt durch seine Frau Lydia Wolgina und durch etliche Sammler. F\u00fcr einen, der immer seine Distanz zum offiziellen Kunstbetrieb betont hat, ist dies erstaunlich, meldet man doch mit solch einem traditionellen, quasi akademischen Instrument seinen Platz in der Kunstlandschaft an. In einem Werkverzeichnis steckt viel Wissen, Zeit und Energie. Jeder der einmal mit dieser Materie befasst war wei\u00df, was dies f\u00fcr eine Sisyphusarbeit ist. Wenn pl\u00f6tzlich aus dem Nichts etwas Undatiertes auftaucht, ger\u00e4t die m\u00fchsam geschaffene Ordnung ins Wanken, und man muss wieder von vorn beginnen. Oft erscheinen Werkverzeichnisse erst posthum, mitunter besch\u00e4ftigen sie eine ganze Riege von Wissenschaftlern. Pietzsch hat diese K\u00e4rrnerarbeit auf sich genommen \u2013 nur b\u00f6se Zungen behaupten: aus Gesch\u00e4ftsinteresse. Wahrscheinlich stand dahinter vor allem das Bed\u00fcrfnis, sein Lebenswerk geordnet zu hinterlassen und sich dabei des eigenen Tuns zu vergewissern. Das Werkverzeichnis f\u00fchrt f\u00fcr die Jahre 1970 bis 2015 etwa 3000 durchnummerierte Arbeiten auf, \u00fcberwiegend \u00d6l- und Acrylbilder, Aquarelle und Pastelle. Die gute H\u00e4lfte davon wird durch farbige Fotos dokumentiert \u2013 gl\u00fccklicherweise nicht nur in Briefmarkengr\u00f6\u00dfe -, so dass man den Band auch als gro\u00dfartiges Bilderbuch zur Hand nehmen kann. Die beschriebenen St\u00fccke tragen Titel und sind meist kleinformatig, nur ausnahmsweise st\u00f6\u00dft man auf Abmessungen \u00fcber 100 Zentimeter. Soweit der Verbleib bekannt ist, werden die Besitzer genannt. Nachgewiesen werden ferner Weihnachtskarten und Plakate sowie 74 Ausstellungen (bis 2014). Sp\u00e4testens an dieser Stelle ger\u00e4t der Leser ins Gr\u00fcbeln, wei\u00df er doch, dass nach M\u00e4rz 2015 weitere Ausstellungen liefen und laufen werden und dass auch Ulrich Pietzsch gewiss nach wie vor malt. So sch\u00f6n es ist, in den farbigen Seiten zu bl\u00e4ttern \u2013 w\u00fcnschenswert und sinnvoll w\u00e4re es, das Werkverzeichnis im Internet verf\u00fcgbar zu machen. Es lie\u00dfe sich dann jederzeit erg\u00e4nzen und korrigieren, w\u00fcrde auch weit mehr Menschen erreichen als die Papierform. Ulrich Pietzsch und seinem Werk gerecht zu werden, ist ein schwieriges Unterfangen. Kritiker kreiden ihm an, dass er in einer Welt voller Bedrohungen und Grausamkeiten billigen Trost spendet, indem er die Idylle malt. Andere monieren das Ewiggleiche seiner Themen und Techniken, die Scheu vor Experimenten. Wohlgesonnene sehen gerade in diesem Festhalten an naiver Sch\u00f6nheit und gleichsam kindlicher Lebensfreude, eben an einer \u201ekummerlosen Kunst\u201c, den gro\u00dfen Vorzug seiner Arbeiten. Die Szenen ber\u00fchren den Betrachter und machen bewusst, was es zu verteidigen gilt. Vielleicht m\u00fcssen diese Fragen gar nicht entschieden werden. Vertrauen wir einfach auf die Kraft der Bilder. Sie zu erschlie\u00dfen erleichtert uns Ulrich Pietzsch durch die nun vorgelegten Kindheitserinnerungen und durch sein Werkverzeichnis.<br>Isolde Dietrich<strong> Ein Bildermaler bestellt sein Haus<\/strong><strong> Ulrich Pietzsch<\/strong>: Der kleine Wadenbei\u00dfer. Eine Kindheit zwischen Oberwartha und Dresden. Husum Druck- und Verlagsgesellschaft 2015, 399 S., 16,95 \u20ac <strong>Ullrich Pietzsch<\/strong>. Der Bildermaler. Werkverzeichnis 1970-2015. Stand: 31. M\u00e4rz 2015, 2. Auflage, 229 S.<\/p>\n\n\n\n<p>Isolde Dietrich in Online Journal f\u00fcr Kultur, Wissenschaft und Politik Kulturation Internet M\u00e4rz 2015<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Angelika Landrock liebt die naive Malerei von Ulrich Pietzsch \u2013 die ist \u00fcberhaupt nicht naiv Was Ulrich Pietzsch in die&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_kad_post_transparent":"","_kad_post_title":"","_kad_post_layout":"","_kad_post_sidebar_id":"","_kad_post_content_style":"","_kad_post_vertical_padding":"","_kad_post_feature":"","_kad_post_feature_position":"","_kad_post_header":false,"_kad_post_footer":false,"_kad_post_classname":"","footnotes":""},"categories":[2],"tags":[],"class_list":["post-19","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-2010er-pressestimmen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.ulrich-pietzsch.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/19","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.ulrich-pietzsch.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.ulrich-pietzsch.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ulrich-pietzsch.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ulrich-pietzsch.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=19"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.ulrich-pietzsch.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/19\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":592,"href":"https:\/\/www.ulrich-pietzsch.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/19\/revisions\/592"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.ulrich-pietzsch.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=19"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ulrich-pietzsch.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=19"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ulrich-pietzsch.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=19"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}